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Kapitel 5: Der Fall des verlorenen Raumschiffs

„Maaaama, wo ist die Celisto?“, Simon war tief gebeugt über seine Spielzeugkiste und kramte darin herum. Sein Lieblingsraumschiff war weg. Er konnte es einfach nicht finden. Es musste doch irgendwo sein.

„Hast du in der Kiste nachgesehen?“

„Ja, sie ist nicht da!“ Simon warf ein Spielzeug nach dem anderen aus der Kiste und verteilte sie über den ganzen Boden. Er war sich sicher, dass er die Celisto in die Kiste getan hatte, aber nun war sie einfach weg.

„Langsam, langsam, mein Schatz“, seine Mutter war da und hielt ihn davon ab, noch mehr Spielzeug im Raum zu verteilen. „Wenn die Celisto nicht in der Kiste ist, dann musst du wo anders nach ihr suchen. Vielleicht hat sich eines der anderen Kinder das Raumschiff ausgeliehen.“

„WAS?“, Simon war entsetzt. Die Celisto in fremden Händen? „Wie konntest du das nur zulassen?“

Seine Mutter hob abwehrend die Hände. „Es tut mir leid, aber ich kann nicht den ganzen Tag auf deiner Kiste sitzen, um sie vor hinterhältigen Dieben zu beschützen.“

Simon ließ die Kopf hängen.

„Sei nicht traurig. Die Celisto kann nicht weit sein“, versuchte sie Simon zu trösten. „Frag doch mal ein wenig herum, vielleicht findest du jemanden, der sie gesehen hat.“

„Leute befragen, auf der Jagd nach einem hinterhältigen Dieb?“, Simon richtete sich auf und versuchte vornehm und ernst auszusehen. Das klang nach einem Fall für Detektiv Sir Tracey!


***

„Mutter, ich muss los und werde nicht ruhen, bis ich die Celisto wiedergefunden habe. Oder mein Name ist nicht länger Sir Tracey!“

„Ähm, ok. Aber bleib nicht zu lange weg und sei vorsichtig“, konnte sie gerade noch sagen, bevor Sir Tracey das Haus verließ.

Doch wo sollte er mit seiner Suche beginnen? Wo würde der hinterhältige kleine Dieb sich verstecken? In welcher Höhle würde er mit seinen schmutzigen, unwürdigen Pfoten dieses funkelnde Juwel entweihen?

Sir Tracey lief es eiskalt den Rücken hinunter, wenn er nur daran dachte.

Er brauchte Hilfe. Sir Alex war ein guter Freund von ihm und er konnte ihm vielleicht auch bei diesem schwierigen Fall zur Seite stehen. Sir Tracey hatte gehört, dass Alex momentan auf dem kleinen Flughafen der Stadt arbeitete. Er beschloss seine Suche nach dem Dieb dort zu beginnen. Irgendwo musste er ja anfangen.

Detektiv Tracey ging zur nächsten Haltestelle für Pferdekutschen. Er musste nicht lange auf eine Kutsche warten, er stieg ein und sagte zum Kutscher „Zum Flughafen“. Die Tür schloss sich hinter ihm und die Kutsche setzte sich in Bewegung.

Es war nur eine kurze Fahrt.

Auf dem Flughafen herrschte reger Betrieb. Die ankommenden Maschinen landeten nur lang genug um große, längliche Kisten zu entladen, die auf dem Boden aufgereiht wurden, bevor das Flugzeug auch schon wieder abhob. Der Handel mit den Nachbarländern florierte.

Aber etwas stimmte nicht mit diesem Bild.

Es gab eine kleine Gruppe, die sich an den ausgeladenen Kisten zu schaffen machte. Der Kleidung nach waren sie Doktoren. Bis auf eine junge Frau mit einem langen Zopf, sie passte nicht ganz in die Gruppe, aber es störte auch niemanden, dass sie da war. Sie trug nicht weiß, sondern hellbraune Kleidung und hatte eine große, dampfende Tasse in der Hand, aus der sie immer wieder trank. Sie sah müde aus.

Die Kiste, an der sie arbeiteten öffnete sich … und ein Mann kam zum Vorschein. Er sah blass, schwach und desorientiert aus. Die Ärzte kümmerten sich gleich um ihn, aber am meisten schien ihm das zu helfen, was die Frau zu ihm sagte. Sir Tracey konnte nicht hören was es war, dafür war er zu weit entfernt.

Wie es aussah, hatte das rege Treiben doch nichts mit florierendem Handel zu tun. Den vielen Kisten und dem regen Flugverkehr nach, musste es in der Nähe ein großes Unglück gegeben haben und sie brachten die Betroffenen hier her zur ärztlichen Versorgung.

Sir Tracey sah, wie Sir Alex, eine der großen Kisten, ganz allein aus dem Frachtraum eines Flugzeuges trug. Der Detektiv huschte zwischen den anderen Menschen und einigen weiteren Kisten hindurch und erreichte Sir Alex gerade, als er behutsam seine Last absetzte.

„Hallo Simon, was machst du denn hier?“, begrüßte ihn Alex freundlich.

„Heute bin ich Detektiv Sir Tracey! Ich untersuche den Diebstahl der Celisto.“

Alex lächelte. Er spielte gerne mit Simon, wenn er die Gelegenheit dazu hatte. Simons Fantasie war bewundernswert und es wurde nie langweilig mit ihm.

„Die Celisto wurde gestohlen?“

„Ja, Sir! Ich hatte gehofft du könntest mir dabei helfen, sie wieder zu finden.“

Alex seufzte. Liebend gerne würde er mit Sir Tracey durch die Gegend streifen um sein verlorenes Raumschiff zu finden, aber er hatte Verpflichtungen, die momentan wichtiger waren. „Leider, Sir, kann ich dir heute nicht helfen. Wie du siehst, habe ich hier noch alle Hände voll zu tun.“

Sir Tracey ließ enttäuscht den Kopf hängen.

„Die Celisto kann nicht weit sein. Ich bin mir sicher, dass ein so hervorragender Detektiv wie du, sie schnell finden wird. Hast du es schon im Kindergarten versucht?“

Sir Tracey schaute auf. „Du meinst den Rummelplatz für Verbrecher und Diebe?“

Alex hob eine Augenbraue. „Der Rummelplatz für … Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist, oder?“

Sir Tracey seufzte. „Nun, gut. Dann werde ich mich wohl ohne Verstärkung in die Höhle des Löwens begeben müssen.“

„Alex, es gibt noch nichts Neues über den Landeort der anderen. Wir fliegen noch eine Runde.“ Sarah stand auf der Laderampe und schaute zu den beiden herüber.

„Lady Sarah ruft“, sagte Alex. „Sir Tracey, ich habe größtes Vertrauen in deine Fähigkeiten diesen Fall aufzuklären. Hoffentlich können wir bald wiedereinmal zusammen arbeiten.“

„Es wäre mir ein Vergnügen“, sagte Sir Tracey.

Die beiden verabschiedeten sich voneinander und gingen in verschiedene Richtungen davon. Sir Alex ging zurück zu seinem Flugzeug und Sir Tracey suchte sich einen Weg zurück zur Haltestelle.

Die Kutsche brachte Tracey zum Rummelplatz für Verbrecher und Diebe, wie er es ausdrückte. Der Platz lag etwa im Zentrum der Stadt und hatte alles zu bieten, was man zum Vergnügen brauchte. Rutschen aller Art und Länge, Trampoline und verschiedenes Spielzeug, das auf dem Boden verstreut herumlag.

Der Platz war heute gut besucht und es herrschte ein Chaos, das man von einem guten Rummelplatz erwarten konnte. Sir Tracey musste seinen Blick von der roten, extra langen, Rutsche wegreißen. Er war nicht zum Vergnügen hier. Er hatte eine Mission. Eine dieser herumrennenden Kreaturen musste der Dieb sein, der ihm sein Schmuckstück gestohlen hatte.

Sir Tracey versuchte so unauffällig wie möglich an den Rutschen vorbei zu gehen und steuerte auf den Bereich mit den Spielzeugen zu. Hier gab es Puzzles mit sooo vielen Teilen, dass man sie gar nicht zählen konnte, Bälle in allen Farben und Größen und Kuscheltiere aller Art. Traceys Blick fiel auf den großen Puma, der unbeachtet in der Ecke lag. Er könnte doch nur für einen kurzen Moment … ein klein wenig?

„Nein! Konzentriere dich!“, schimpfte sich Sir Tracey leise. „Du bist wegen der Celisto hier. Keine Zeit für Dschungelabenteuer!“

„Hallo Simon!“ Sir Tracey schaute auf.

„Mist!“, seine Tarnung war aufgeflogen. Es war einer der Wächter des Rummelplatzes. Sie sorgten dafür, dass der Platz nicht völlig im Chaos versank. Sir Tracey versuchte sich hinter einem Schrank zu verstecken, aber es hatte keinen Zweck. Den Wächtern konnte man nicht entkommen. Schon kam der Wächter um die Ecke und ging neben ihm in die Hocke.

„Hei, alles in Ordnung? Du siehst so angespannt aus, geht es dir gut?“

„Nein“, sagte Sir Tracey.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

Sir Tracey seufzte. Es war vielleicht keine so schlechte Idee mit dem Wächter zu reden. Immerhin wussten sie über alles Bescheid, was auf dem Rummelplatz passierte und vielleicht konnte er ihm bei seinem Fall behilflich sein.

„Ich suche meine Celisto, sie wurde mir gestohlen“, sagte Sir Tracey.

„Die Celisto? Das Raumschiff von Kapitän Haiton?“

Sir Tracey nickte.

„Ich habe ein Mädchen mit einem Raumschiff spielen sehen. Sie wollte glaube ich hinauf aufs Observationsdeck.“

„Danke“, sagte Sir Tracey. Der Wald also. Der Dieb musste wissen, dass er ihm auf den Fersen war. Der Wald war groß und ein ideales Versteck für Diebesgut aller Art. Selbst ein Flugzeug konnte man dort leicht verstecken. Er musste sich beeilen. Vielleicht konnte er den Dieb noch erwischen, bevor die Celisto für immer in den Tiefen des Waldes verschwand.

Sir Tracey verließ eilig den Rummelplatz und nahm eine Kutsche zum Waldrand.

Der Wald lag verlassen und dunkel vor ihm.

Niemand war zu sehen.

War er zu spät? War der Dieb schon über alle Berge?

Was war das? In der Ferne hatte er etwas gehört, aber er war sich nicht sicher, was es war. Langsam ging er in die Richtung aus der die Geräusche kamen.

Mit jedem Schritt, den er tat, wurden die Geräusche klarer. Es waren Triebwerksgeräusche! Der Dieb wollte fliehen!

Sir Tracey rannte los. Das konnte er nicht zulassen. Nicht jetzt, wo er so dicht dran war den Dieb zu fassen. Er wird ihm nicht durch die Finger gleiten. Schließlich war er Sir Tracey! Niemand entkam ihm! Er würde Gerechtigkeit walten lassen und den Dieb ins Gefängnis stecken, wie es sich für ein solches Kapitalverbrechen gehört! Das würde ihm eine Lehre sein je wieder eine seiner schmutzigen Pfoten nach etwas auszustrecken, dass ihm nicht gehörte!

Die Geräusche waren nun schon ganz nah.

Da war der Dieb! Auf der Lichtung vor ihm. Sir Tracey musste ihn nur noch festnehmen.

Er trat hinaus auf die Lichtung.


***

„Hei, das ist mein Raumschiff!“, sagte Simon.

Ein Mädchen saß auf dem Boden des Observationsdecks und schaute zu ihm auf. Sie musste im selben Alter sein wie Simon. In der Hand hielt sie die Celisto, das Spielzeugraumschiff.

„Oh“, sagte sie. „Es tut mir leid, ich wollte es mir nur einmal ausleihen. Es ist so cool!“

„Ich weiß“, sagte Simon. Er lächelte. „Bist du auch ein Fan von Kapitän Haiton?“

„Ja und wie! Wenn ich einmal groß bin werde ich Raumschiffkapitänin, genau wie er, und erforsche das Weltall und kämpfe gegen Aliens!“

„Hei, wir können zusammen spielen! Ich habe auch noch das Raumschiff des Alienanführers. Wir könnten eine Schlacht nachspielen!“

„Das mit den blinkenden Lasergeschützen?“, die Augen des Mädchen leuchteten.

„Selbstverständlich. Ich heiße Simon und du?“

„Cathrine.“

Simon half ihr auf und gemeinsam verließen sie das Observationsdeck.

Die Sache mit dem Diebstahl war vergessen.

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© Thomas C. Bernhard 2021