„Hier haben wir den Kleiderschrank. Ich hab dir schon ein wenig Platz gemacht. Sag Bescheid, wenn du noch mehr brauchst. Hier drüben geht es zum Bad und das Bett steht hier.“ Während Felicitas die Einzelheiten ihres Quartiers erklärte lief sie nervös hin und her und kam sich dabei ein wenig vor wie eine Flugbegleiterin, die ihrem Gast erklärte, wo die Notausgänge waren.
Natürlich war eine Erklärung nicht notwendig. Bis auf ein paar Kleinigkeiten waren alle Quartiere gleich aufgebaut. Ein großer Raum mit einem Bett, in dem locker zwei Personen Platz fanden, ein Schrank und ein Schreibtisch mit einem Computerbildschirm, der mit dem Hauptcomputer verbunden war. Eine Tür führte zu einem eigenen Bad. Was dieses Quartier von den anderen unterschied, war das große Bild einer Jägerin, die mit Pfeil und Bogen gegen einen riesigen Vogel kämpfte, Felicitas hatte es über das Bett gehängt und ...
„Du hast richtige Fenster?“ Sarah stellte die große Tasche mit ihren Habseligkeiten in der Mitte des Zimmers ab, lief zu den Fenstern hinüber und schaute hinaus.
„Hattest du keine?“
„Nein. Ich hatte nur ein paar Bildschirme auf denen man ein Bild von draußen empfangen konnte. Wie kommt es dass du Fenster hast? Ich bin doch ranghöher als du.“
Felicitas lächelte und zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich hatte wohl einfach Glück bei der Zuteilung.“
„Du hast etwas von einem Bad gesagt? Eine heiße Dusche wäre jetzt genau das Richtige für mich. Was dagegen, wenn ich zuerst gehe?“
„Nein, nur zu. Ich muss noch etwas Papierkram erledigen.“
„Danke.“ Sarah ging zu ihrer Tasche, kramte daraus einen Schlafanzug, Unterwäsche und ein paar Duschsachen hervor und verschwand in Richtung Bad.
Felicitas setzte sich an ihren Schreibtisch, aktivierte den Computerbildschirm und begann zu schreiben.
Es dauerte nicht lange, bis Sarah mit einer Wolke Shampooduft zurück in das Zimmer kam. Sie trug einen langen, dunkelblauen Schlafanzug und sah nun viel entspannter aus.
„Ah, das tat gut.“ Sarah sah Felicitas immer noch vor ihrem Bildschirm sitzen. „Was schreibst du da? Deinen Bericht hast du doch schon abgegeben.“
„Ja, das ist etwas anderes.“
„Und was?“ Sarah kam lächelnd näher und wollte über Felicitas‘ Schulter einen Blick auf den Text werfen. Aber diese schloss schnell das Fenster, meldete sich ab und machte den Bildschirm aus.
„Ach nichts.“ Felicitas drehte sich um und sah, dass Sarah sich mit der Ausrede nicht zufrieden gab. Felicitas seufzte. „Na gut. Es ist eine Geschichte. Sie ist nichts Besonderes. Ich schreibe sie nur zum Spaß.“
„Du schreibst noch?“
„Ja.“
„Das ist schön. Ich mochte die Geschichten, die du früher immer erzählt hast. Jede einzelne. Erzähl mir von dieser.“ Sarah deutete auf den schwarzen Bildschirm.
„Was?“
„Ja, ich möchte sie hören.“
Felicitas zögerte. Es war schon lange her, seit sie das letzte Mal jemandem von ihren Geschichten erzählt oder sie von jemandem hatte lesen lassen. Sie schrieb nur für sich. Früher war das anders. Als Felicitas und Sarah noch Kinder waren, saßen sie abends meist noch lange zusammen und Felicitas erzählte dann Geschichten, die sie sich spontan ausgedachte hatte. Es waren schöne Abende, bei denen die beiden viel zu lachen hatten.
Felicitas gab nach, vielleicht wurde es ja keine völlige Katastrophe. „Ok, aber zuerst gehe ich duschen.“ Sarah strahlte zufrieden.
Felicitas packte ihren Schlafanzug, der mit den großen roten Herzen darauf und ging in Richtung Badezimmer.
Als sie wieder heraus kam, war die große Tasche auf dem Boden fast leer. Sarah hatte die Zeit genutzt um einige Dinge in den Schrank zu räumen. Sie selbst lag bereits im Bett, auf der Fensterseite und las etwas auf einem kleinen Computer.
„Berichte?“
„Das Privileg des Offiziers, mehr Berichte als man lesen will.“
„Irgendetwas Gutes dabei?“
„Nein, nichts Neues. Nur Berichte über den allgemeinen Schlamassel in dem wir gerade stecken.“ Sie legte den Computer auf die Seite. „Darum kümmern wir uns morgen wieder. Jetzt wird es Zeit für die Geschichte!“ Sie grinste erwartungsvoll.
„Ach, die Geschichte ist furchtbar, die willst du bestimmt nicht hören.“
„Keine Widerrede!“ Sarah klopfte freudig auf die Bettdecke. „Na komm schon. Rein ins Bett und dann los! Die Geschichte ist bestimmt ganz wundervoll.“
Felicitas seufzte, kam aber Sarahs Wunsch nach und stieg ins Bett und deckte sich zu. Sarah schaute sie erwartungsvoll an.
„Es ist eine lächerliche Geschichte“, versuchte sich Felicitas vor der Erzählung zu drücken.
„Gut.“
„Und ich hab dir ja gesagt, dass ich sie nur zum Spaß geschrieben habe!“
„Um so besser.“
„Du darfst dich also nicht über mich lustig machen. Ich habe dich gewarnt!“
Sarah versuchte krampfhaft nicht zu grinsen. „Werd ich nicht!“
Felicitas lächelte, holte tief Luft und begann:
Es war einmal, in einem weit weit entfernten Land. Da lebte eine Prinzessin mit Namen Laura. Sie regierte über ihr Land mit Güte und Weisheit. Es war kein besonders großes Land, aber es war schön und den Untertanen gefiel es dort sehr.
Heute war ein besonderer Tag. Der Tag des Frühlingsfestes. Ein rauschendes Fest, dass bis spät in die Nacht hinein ging. Deswegen herrschte, an diesem Morgen, schon überall im Schloss geschäftiges Treiben. Nur in einem Schlafzimmer bewegte sich noch gar nichts.
Marissa, die Zimmerdame, klopfte zaghaft an die Tür. „Prinzessin, seid ihr wach?“ Als Antwort bekam sie etwas, das stark nach dem Brummen eines Bärens klang.
Die Zimmerdame öffnete vorsichtig die Tür und schaute hinein. Die Prinzessin war irgendwo in den Tiefen ihres Bettes und schien noch zu schlafen. Keine Spur von einem Bären.
„Prinzessin ihr müsst aufstehen, heute ist doch das Frühlingsfest und es gibt noch so viel zu tun. Das ganze Schloss ist schon auf den Beinen!“
„Das Frühlingsfest!“ Prinzessin Laura richtete sich mühsam auf und sah dabei wie ein schwankender Zombie aus. Ihr langes Haar stand in alle Richtungen ab. Ein Löwe wäre beim Anblick dieser Mähne vor Neid erblasst.
„Wir haben viel Arbeit vor uns Prinzessin.“
Die Prinzessin fiel zurück auf ihr Bett.
Marissa seufzte. Mit Mühe, gutem Zureden und ein paar ernsten Worten, schaffte sie die Prinzessin endlich auf den Stuhl vor der Frisierkommode und begann mit ihrer Arbeit.
Kurz darauf klopfte es erneut an der Tür. „Prinzessin, seid ihr präsentabel?“
Prinzessin Laura schaute zu ihrer Zimmerdame, die energisch den Kopf schüttelte.
„Ehm, nein!“
„Prinzessin, wir brauchen eine Entscheidung wegen des Blumenschmucks.“
„Ich schaue es mir in ...“, sie wandte sich an Marissa, die gerade versuchte der Mähne mit einer Bürste zu Leibe zu rücken und flüsterte: „Wie lange wird es dauern?“
„Eine Stunde“, flüsterte diese. „Mindestens!“
„So lange?“
Die Zimmerdame nickte.
Laura seufzte und antwortete dem Mann hinter der Tür: „Ich schaue es mir in etwa einer Stunde an.“
Als Laura ihr Schlafzimmer eine Stunde und zwanzig Minuten später verließ, war sie endlich wieder als Prinzessin zu erkennen. Die Zimmerdame hatte ein kleines Wunder vollbracht. Die Mähne war schönen, glatten, langen Haaren gewichen, die mit einer violetten Schleife zusammengehalten wurden, passend zu ihrem einfachen dennoch wunderschönen, langen Kleid.
Das Fest fand hinter dem Schloss statt, wo es momentan noch nicht all zu festlich aussah. Es war mehr ein geplantes Durcheinander. Fleißige Hände waren überall damit beschäftigt Tische aufzustellen, sich um die Dekoration zu kümmern oder allgemein für Ordnung zu sorgen. Prinzessin Laura schritt durch die Menge und gab Anweisungen und half wo sie konnte.
Das Fest fand nicht zum ersten Mal statt, so gab es nicht viel, was sie entscheiden musste. Die meisten Bediensteten wussten, was zu tun war.
Das Frühlingsfest begann am späten Nachmittag, dann wurde gespeist, getanzt und gelacht bis in den Morgengrauen. Prinzessin Laura hatte im ganzen Land Einladungen verteilen lassen und keiner würde sich das entgehen lassen. Die Feste der Prinzessin waren landauf und landab bekannt. Das Essen allein, für das die Küche schon sehr früh am Morgen anfing zu kochen, war Grund genug zu kommen.
Nach einem kurzen Mittagssnack sah der Festplatz schon viel besser aus. Die meisten Tische standen am richtigen Platz und waren mit einer Tischdecke und Blumen verziert. Die Bühne für die Musiker war aufgebaut und der Tanzboden verlegt. Nun wurde das Besteck und die Gläser auf den vielen Tischen verteilt.
Laura schaute gerade den Gärtnern zu, wie sie einige Lampen in den Bäumen und Büschen versteckten, als Joris, der Küchenchef auf die Schlossterrasse gestürmt kam. Er war ein kleiner Mann mit viel Bauch und einem hohen Hut, wie es sich für einen Koch gehörte. Er sah gestresst und verzweifelt aus.
„Prinzessin, Prinzessin!“, rief er, während er sich durch die Dienerschaft schlängelte.
„Was ist passiert?“, fragte die Prinzessin.
Schnaufend kam Joris vor der Prinzessin zum Stehen.
„Es ist eine Katastrophe!“, jammerte Joris, als er wieder zu Atem kam. „Wir müssen das Fest absagen! Was für eine Katastrophe!“
Prinzessin Laura wusste, dass Joris sich sehr gerne über sehr viele Dinge beklagte. Meistens ging es dabei um das Essen, das er gekocht hatte und das nie seinen Ansprüchen genügte. Aber deswegen wollte er noch nie ein Fest absagen.
„Was ist passiert?“, wiederholte die Prinzessin ihre Frage.
„Die Torte! Sie wurde entführt!“
„Was?“ Die Torte war einer der Höhepunkte des Festes. Eine zehnstöckige Schokoladentorte, aufwendig verziert mit Blumen aus Schokolade, Marzipan und einigen echten, die man essen konnte.
„Wir wollten gerade noch ein paar letzte Kleinigkeiten an der Torte anbringen, aber als wir im Kühlraum nach ihr schauten, da war sie weg! Nur dieser Zettel lag auf dem Boden.“ Joris, der den Tränen nahe war, reichte ihn ihr.
„Aber wer würde denn eine Torte entführen?“ fragte Laura und nahm den Zettel entgegen.
„Barbaren! Das ist sicher!“
„Sehr geehrte Prinzessin“, stand auf dem Zettel in einer fein säuberlichen Handschrift geschrieben. „Wenn ihr eure Torte wiedersehen wollt, kommt allein in den Wald nördlich von eurem Schloss.“
Laura wendete das Blatt, aber das war alles, mehr stand nicht darauf. Verärgert zerknüllte sie den Zettel und warf ihn weg. Einer der Bediensteten sammelte ihn auf und entsorgte ihn. Wie konnten sie es wagen, die Torte zu stehlen! Laura hatte sich so sehr auf sie gefreut!
„Joris, geht zurück in die Küche“, sagte sie ruhig. „Ich werde mich darum kümmern.“ Grimmig fügte sie hinzu: „Keine Sorge, sollte der Torte etwas zustoßen, werden die mich kennenlernen!“
Joris ging bekümmert zurück in Richtung Küche.
Laura hielt einen der Bediensteten an und schickte ihn in die Stallungen. Sie sollten ihr Pferd satteln und bereit halten, sie würde gleich kommen. Der Wald im Norden war nur ein kurzer Ritt vom Schloss entfernt. So schnell wie möglich wollte sie diese Sache hinter sich bringen. Es gab vor dem Fest noch so viel zu tun, da hatte sie keine Zeit für so einen Quatsch. Sie brauchte eine Waffe.
Laura ging zurück ins Schloss. Im Thronsaal fand sie, wonach sie gesucht hatte. An der Wand hinter dem Thron hingen zwei Schwerter. Das Schwert ihres Vaters und ihr eigenes.
Lauras Vater war ein großer und starker Mann und er hatte ein entsprechendes Schwert. Laura hätte damit nicht kämpfen können, dafür war es zu groß und zu schwer. Sie hatte sich ein eigenes anfertigen lassen. Als sie das Schwert bestellt hatte, hatte sie dem Schmied eingeschärft, dass sie eine Waffe wollte und kein Spielzeug. Die Waffe hatte sie dann auch bekommen: Das Schwert besaß wenig Verzierungen und eine lange, schmale Klinge gefertigt aus dem stärksten Stahl, den es in ihrem Königreich gab. Eine elegante und zugleich tödliche Waffe.
Prinzessin Laura fuhr kurz mit der Hand über das Schwert ihres Vaters, bevor sie ihr eigenes von der Wand nahm. Sie band es sich auf dem Rücken fest und entschlossenen Schrittes ging sie in Richtung Stallungen davon.
Der Weg flog unter den donnernden Hufen ihres Pferdes dahin. Im Stall war sie auf Robin getroffen, dem Anführer der Palastwache. Woher er wieder von ihrem Ausflug erfahren hatte, war ihr ein Rätsel. Aber sie konnte es ihm nicht verdenken, immerhin war er für ihre Sicherheit verantwortlich und sie machte ihm diese Aufgabe nicht immer leicht.
Er würde ihr jemanden hinterher schicken, auch wenn sie ihm versichert hatte, dass sie nur kurz etwas zu erledigen hatte und bald zurück wäre. Laura seufzte, das war der Preis, den man als Prinzessin zu zahlen hatte, es war unmöglich irgendwohin allein zu gehen. Wenigstens würde Robin dafür sorgen, dass ihr Schatten nicht sofort als Wächter zu erkennen war.
Sie hatte einen Vorsprung und ihr Pferd war schnell, vielleicht konnte sie diese ärgerliche Sache hinter sich bringen, bevor der Wächter zu ihr aufschloss. Wer kam bloß auf die verrückte Idee eine Torte als Geisel zu nehmen? Und zu welchem Zweck?
Der Wald kam in Sichtweite. Er lag abseits von wichtigen Straßen und nur selten verirrte sich ein Holzfäller hier her. Die vielen großen Felsen, die überall im Wald verstreut lagen, machten die Arbeit schwierig und es gab genügend andere Wälder in der Gegend, die leichter zugänglich waren.
Als Laura den Wald erreichte stieg sie ab, tätschelte den Hals des Pferdes und lies es dann am Waldrand zurück. Es würde hier auf sie warten. Den schmalen Pfad, der in den Wald hineinführte musste sie alleine gehen. Für ein Pferd war hier kein Durchkommen.
Kaum hatte sie die erste Baumreihe durchschritten wurde es merklich kühler und dunkler. Man konnte sehen, dass sich niemand um den Wald kümmerte. Überall wucherten Büsche und Pflanzen. Selbst über den schmalen Pfad, auf dem sich Laura vorarbeitete, wuchsen immer wieder Zweige, die sich in ihrem schönen Kleid verfingen und daran zerrten.
Von den Bösewichtern war noch keine Spur zu sehen. Die Prinzessin wusste, dass der Pfad irgendwann zu einer Lichtung führte. Dort wollte sie warten.
Laura hörte einen Zweig knacken und konnte gerade noch einen grauen Schatten sehen, der schnell wieder verschwand. Durch das Dickicht konnte sie nicht sehen, was es war. Vielleicht ein Tier? Vorsichtig setzte sie ihren Weg fort.
Sie kam nicht weit. Nach nur wenigen Schritten hörte sie wieder Zweige brechen und das Rascheln von Büschen, das schnell näher kam. Sie hatte kaum Zeit sich darauf vorzubereiten als plötzlich ein grauer Wolf auf sie zusprang. Laura lies sich zu Boden fallen, damit der Wolf über sie hinweg sprang. Sie konnte sich gerade noch aufrichten und das Schwert ziehen, bevor der Wolf mit gefletschten Zähnen zu einem neuen Angriff ansetze.
Ein Wolf, das hatte ihr gerade noch gefehlt.
Das Tier sprang nach vorn. Laura wich zur Seite aus, holte mit ihrem Schwert aus und zielte mit der flachen Seite auf den Kopf des Wolfes. Sie wollte das Tier nicht töten, wenn es sich vermeiden lies. Sie traf.
Der Wolf landete ungeschickt und schüttelte benommen seinen Kopf. Er erholte sich schnell und hatte noch nicht genug. Grollend wandte er sich wieder Laura zu. Diese drehte ihr Schwert ein wenig, damit nun die scharfe Klinge nach vorne zeigte.
„Wenn du unbedingt darauf bestehst.“ Die Prinzessin ging in Kampfposition und war bereit.
Da brach ein zweiter Wolf aus dem Gebüsch. Er war doppelt so groß wie der erste und hatte ein langes zottiges Fell. Laura wollte sich schon verteidigen, aber der Angriff des großen Wolfes galt nicht ihr. Er sprang auf den jüngeren Wolf zu, packte ihn und schleuderte ihn, ohne Mühe oder Rücksicht, in das nächste Gebüsch. Außer Sichtweite. Dann wandte er sich der Prinzessin zu.
Im Gegensatz zu dem kleineren Wolf grollte dieser nicht, er fletschte nicht die Zähne und sah nicht aus, als würde er die Prinzessin angreifen. Dieses Monster von einem Tier hätte mit Laura bestimmt keine großen Schwierigkeiten, aber es stand nur da und schaute sie an. Der Wolf schien ... besorgt?
Langsam schob Laura ihr Schwert zurück in die Scheide auf ihrem Rücken. Was auch immer hier vor sich ging, sie glaubte nicht, dass der große Wolf ihr etwas tun würde.
Es war wohl die richtige Entscheidung. Der große Wolf drehte um und trottete, auf dem schmalen Pfad, tiefer in den Wald hinein. Nach ein paar Schritten hielt er an und schaute zurück, als wollte er, dass die Prinzessin ihm folgte. Laura zögerte kurz, nickte dann, lies aber einen sicheren Abstand zwischen sich und dem Wolf. Vielleicht gab es Antworten am Ende dieses Weges.
Während sie gemeinsam tiefer in den Wald gingen suchte Laura aufmerksam das Gebüsch um sie herum ab und lauschte auf verdächtige Geräusche, aber es blieb alles still. Sie schienen allein zu sein, aber ein Gefühl sagte der Prinzessin, dass das nicht stimmte.
Sie erreichten die Lichtung. Unter einem Baum, auf den der große Wolf zuhielt, lagen einige Kleidungsstücke verstreut. Es waren nicht viel mehr als ein paar alte Lumpen, aber der Prinzessin dämmerte langsam, was das ganze zu bedeuten hatte. Ihre Vermutung wurde bestätigt, als der Wolf die Kleidung erreichte und sich begann zu verwandeln. Er war ein Werwolf.
Laura hielt sich eine Hand vor die Augen, wie es sich gehörte, um dem Wesen, das sich gerade in einen nackten Mann verwandelte, Zeit zu geben, die verstreute Kleidung anzuziehen. Laura wusste nicht was besser war, ein Wolf oder ein Werwolf. Sie war noch nie einem Werwolf begegnet, aber was man über sie hörte war nicht sehr erbauend.
„Ihr könnt wieder hersehen“, es war eine tiefe, ruhige Stimme.
Laura nahm die Hand herunter und sah einen großen, muskelbepackten älteren Mann, der dem Wolf, der er gerade eben noch war, sehr ähnlich sah. Die Haare waren eine lange, verfilzte Mähne, die vom Alter grau verfärbt war. Er trug eine zerschlissene Jacke über einem Hemd und einer alten Hose. Seine Füße blieben barfuß.
Der Mann fiel auf die Knie und verneigte sich.
„Mein Name ist Lu. Verzeiht, Prinzessin, dass wir euch hier her gelockt haben. Es war ein Fehler und es tut mir leid.“
Verwirrt schaute Laura auf den Mann, der vor ihr im Gras kniete und der trotzdem fast so groß war wie sie selbst. Von Lu dem Werwolf hatte sie gehört, er war so etwas wie der Anführer der Werwölfe. Wenn man den Geschichten glauben sollte, war er der schlimmste von allen. Einer der Nachts Kinder aus den Betten holte um sie dann im Wald zu verspeisen.
Das passte einfach nicht mit dem Mann zusammen, der hier vor ihr kniete. Ja, er sah etwas wild und einschüchternd aus, aber Laura hielt ihn nicht für einen Killer und sollte er tatsächlich so blutrünstig wie in den Geschichten sein, warum sollte er dann eine Torte entführen? Das machte alles keinen Sinn.
„Steht auf“, sagte Laura. Sie wartete, bis er wieder stand, dann fragte sie: „Warum wolltet ihr mich hier haben?“
Verlegen trat der Mann von einem Fuß auf den anderen. „Es geht um das Frühlingsfest.“
„Das Frühlingsfest?“
„Ja.“
„Was ist damit?“
Lu druckste eine Weile herum, bis er mit der Sprache herausrückte. „Es ist ... nun ...“, er knetete nervös seine Hände. „Ihr veranstaltet immer diese schönen Feste und ... naja ... wir würden auch gerne einmal dabei sein.“ Traurig fügte Lu hinzu: „Nach dem Vorfall mit Crispo würde ich verstehen, wenn ihr ablehnt.“
„Ich dachte, ihr würdet euch aus so etwas nicht viel machen“, sagte Laura, die langsam ihre Gedanken wieder sortierte. „Für gewöhnlich bleiben Werwölfe doch lieber unter sich, oder nicht?“
„Es ist leichter unter Seinesgleichen, wenn alle anderen nur das Monster in einem sehen.“
„Die Menschen fürchten euch doch nicht ohne Grund, oder?“ Laura ärgerte sich, dass sie so wenig über Werwölfe wusste. Sie kannte nur die Geschichten und in denen kamen die Werwölfe nie gut weg. Wenn jemand von einem Tier angegriffen wurde, gab man meistens den Werwölfen die Schuld. Ob es nun ein Wolf war oder nicht. Deswegen wurde schon viel Blut vergossen, auf beiden Seiten.
Lu seufzte. „Die meisten von uns ziehen sich zurück, wenn Vollmond ist. In die Berge oder dorthin wo wir niemanden verletzen können. Leider gibt es aber auch ein paar wenige, die meinen, man müsste gleiches mit gleichem vergelten. Gewalt mit Gewalt. Blut mit noch mehr Blut. Dabei merken sie nicht, dass sie alles nur noch viel schlimmer machen. Wir versuchen sie zur Strecke zu bringen, bevor sie Unheil anrichten, aber das gelingt uns leider nicht immer.“
„Wie ... ihr nanntet ihn Crispo?“
Lu schüttelte seine mächtige Mähne. „Crispo ist jung und ein hitzköpfiger Trottel, der noch viel lernen muss. Ich bin euch dankbar, dass ihr ihn nicht umgebracht habt.“
Laura dachte nach. Was sollte sie tun? Lu schien aufrichtig. Konnte sie die Bitte ablehnen, den Menschen zu zeigen, dass nicht alle Werwölfe schlecht waren? Aber was wenn Lu log und seine eigentliche Absichten verheimlichte?
„Warum die Torte?“
Lu lächelte. „Eine Torte ist immer nur eine Torte, egal wie schön oder lecker sie ist. Ein Menschen ist ein Mensch.“
„Ich verstehe.“
„Keine Sorge, ihr bekommt sie unversehrt zurück. Auch wenn ihr ablehnen solltet.“
„Könnt ihr denn garantieren, dass sich so etwas wie mit Crispo nicht wiederholt?“ Sie könnte Robin beauftragen, ein Auge auf die neuen Gäste zu haben. Er würde das diskret genug tun, ohne die anderen Gäste zu verunsichern.
„Ich werde dafür sorgen! Das verspreche ich euch!“
Laura atmete tief durch. „Also gut. Ich gebe euch die Chance. Ihr dürft zum Fest kommen.“ Sie lächelte unsicher. Mit einem Blick auf Lu‘s abgenutzte Kleidung fügte sie hinzu. „Es ist ein sehr vornehmes Fest. Habt ihr denn passende Kleidung dafür?“
Lu lächelte erleichtert über die frohe Botschaft. „Natürlich, die passende Kleidung wird kein Problem sein. Wir werden vorbildliche Gäste sein. Ihr werdet eure Entscheidung nicht bereuen!“
„Das hoffe ich.“ Laura wollte sich lieber nicht ausmalen, was passieren würde, wenn doch. „Bleibt noch die Torte. Bringt sie doch bitte bald zurück, mein Chefkoch macht sich schon große Sorgen. Er hängt doch sehr an ihr.“
„Betrachtet es als erledigt“, sagte Lu mit einem freundlichen Lächeln.
Lu begleitete sie zurück durch den kleinen Wald. Auf dem Weg begegneten sie niemandem, auch wenn Laura sich sicher war, dass noch mehr Wölfe im Unterholz lauerten. Sie hoffte einfach, nicht einen großen Fehler begangen zu haben. Aber manchmal musste man ein Risiko eingehen, wenn man jemandem eine Chance geben wollte.
„Nun ...“, sagte Laura verlegen, als sie den Waldrand erreichten, „dann sehen wir uns auf dem Fest.“ Ihr Pferd graste nur wenige Meter von der Stelle entfernt, wo sie es zurück gelassen hatte. Daneben saß Robin entspannt auf seinem Pferd. Der Oberbefehlshaber der Palastwache war selbst gekommen um nach dem Rechten zu sehen. Er trug einfache, zivile Kleidung und sah aus als wäre er unbewaffnet. Was, wie Laura wusste, der völlig falsche Eindruck war.
„Es wird bestimmt wunderschön“, sagte Lu. Er nickte freundlich Robin zu, der seinen Gruß erwiderte.
Sie stieg auf ihr Pferd wandte sich aber noch ein letztes Mal an Lu: „Für das nächste Mal, bittet einfach um eine Audienz. Für gewöhnlich höre ich mir jeden an, der mit einem Anliegen zu mir kommt.“
Lu lächelte. „Ich werde es mir merken.“
Sie wendete ihr Pferd und ritt mit Robin zum Schloss zurück.
Die Vorbereitungen im Schloss waren inzwischen gut voran gekommen, solange die Prinzessin weg war. Die Tische waren gedeckt, die meisten Dekorationen verteilt und das Orchester war auf der kleinen Bühne mit der letzten Probe vor dem Fest beschäftigt. Jetzt, da das meiste erledigt war, wurde auch die Stimmung entspannter und es wurde mehr gelacht und gekichert.
„Was habt ihr mit dem Kleid angestellt?“ wurde die Prinzessin von der entsetzten Marissa begrüßt. „Habt ihr euch wieder einmal vergessen, während ihr mit den Kindern gespielt habt?“ Ihre Zimmerdame machte sich immer große Sorgen um die Prinzessin. Vor allem darum, dass sie auch als solche zu erkennen war. Herumtoben mit Kindern gehörte da nicht dazu, auch wenn Laura immer sehr viel Spaß dabei hatte.
Die Prinzessin beschloss ihr nicht zu widersprechen. Marissa konnte manchmal etwas streng sein, aber sie meinte es doch immer gut. Sie war so etwas wie ihre zweite Mutter geworden und Laura wollte sie mit der Wahrheit lieber nicht beunruhigen. So ließ sie sich ohne große Gegenwehr in ihr Zimmer führen, wo bereits das schöne, lange, weiße Kleid wartete, das mit vielen bunten Blumen bestickt war.
Es wurde Zeit. Die Dämmerung brach herein und die Festbeleuchtung wurde angezündet. Laura stand am Eingang zum Garten und begrüßte die Gäste, die aus dem ganzen Land herbeiströmten.
Unter den vielen Gästen erkannte die Prinzessin auch einige Wächter wieder. Sie trugen Abendkleidung, wie die anderen Gäste, aber Laura wusste, dass sie bewaffnet waren. Eine Vorsichtsmaßnahme, die sie mit Robin abgesprochen hatte. Hoffentlich würden sie sie nicht brauchen.
„Einen wunderschönen guten Abend“, grüßte sie eine tiefe Stimme. Ganz in Gedanken versunken hatte sie nicht bemerkt, dass Lu vor ihr stand. Er war kaum wieder zu erkennen. Von der heruntergekommen Kleidung keine Spur mehr. Lu trug nun einen vornehmen, schwarzen Anzug mit einem weißen Hemd und einer schwarzen Fliege. Das einzige was noch an den Wolf erinnerte, waren seine langen, struppigen Haare. Die hatte er nur mit einem Lederband zu einem Schwanz zusammengebunden.
Er war nicht allein. Lu wurde begleitet von zehn tadellos gekleideten Männern und Frauen. Einem anderen Gast wären sie bestimmt nicht weiter aufgefallen. Nur wenn man genau hinsah, fielen einem die geschmeidigen Bewegungen und die Wildnis in ihren Augen auf.
„Guten Abend“, sagte die Prinzessin und verneigte sich höflich. „Willkommen zum Frühlingsfest.“
„Danke, dass wir kommen durften“, sagte Lu.
„Ihr kommt gerade noch rechtzeitig, das Fest wird bald eröffnet. Im Garten wird sich jemand um euch kümmern und euch Plätze anweisen.“
Lu nickte freundlich. Er wollte gerade mit seinem Gefolge in Richtung Garten verschwinden als Laura ihm nachrief: „Lu! Könnt ihr tanzen?“ Sie war sich nicht sicher ob es eine gute Idee war, aber vielleicht war es der erste kleine Schritt zu einer besseren Verständigung zwischen Werwölfen und Menschen.
Lu war kurz irritiert von der Frage, aber dann antwortete er: „Ja, ich kann tanzen, Prinzessin.“
„Erst Kuchen, aber dann erwarte ich euch auf der Tanzfläche!“
„Ich werde dort sein.“ Lu verneigte sich respektvoll und ging vergnügt mit seinem Gefolge in Richtung Garten.
Die Gäste waren vollzählig, der Garten war in allen Farben bunt beleuchtet und die riesige Schokoladentorte, die in der Mitte des Büfetts stand, sah sehr verlockend aus. Das Fest musste nur noch eröffnet werden und diese Aufgabe fiel der Prinzessin zu.
Als Laura auf die Bühne stieg verstummten die Gäste. Die Prinzessin atmete tief durch. Sie sprach nicht gerne vor vielen Leuten, aber es war eine dieser Aufgaben um die man als Prinzessin einfach nicht herum kam. Sie lächelte tapfer.
„Hallo zusammen. Es ist schön, dass ihr kommen konntet. Keine Angst, ich werde nicht viele Worte verlieren, ihr seid ja nicht hergekommen um mich reden zu hören.“ Die Gäste schmunzelten. „Wir sind hier um zu feiern, gut zu essen und um bis in den Morgen zu tanzen. Deswegen bleiben mir nur noch zwei Dinge zu wünschen: Habt viel Spaß und tut nichts, wofür ihr euch morgen schämen müsstet. Möge das Fest beginnen!“
Die Gäste jubelten, das Orchester begann zu spielen und Laura hatte endlich Zeit, sich ein Stück Torte zu holen.
Mit dem ersten Bissen war der ganze Ärger, den sie wegen der Torte gehabt hatte, vergessen. Am Liebsten hätte Laura gleich noch ein Stück gegessen, aber sie musste sich noch um eine weitere Aufgabe an diesem Abend kümmern. Dem Tanz mit dem Werwolf.
Die Werwölfe hatten einen Tisch nicht weit von der Mitte des Gartens entfernt. Dort saßen sie und wussten nicht ganz, wie sie sich verhalten sollten. All das war für sie ungewohnt. Einige wiegten sich in den sanften Klängen des Orchesters, aber meistens beschränkten sie sich darauf die anderen Gäste zu beobachten um von ihnen zu lernen. Lu saß nur da und wartete.
Die Prinzessin stand auf und ging zu ihnen hinüber. „Ihr solltet unbedingt die Torte versuchen, sie ist köstlich!“ Die Werwölfe schauten Rat suchend zu Lu. Dieser nickte. Erst dann standen sie zögerlich auf um sich in Richtung Kuchen zu bewegen. Lu stand ebenfalls auf, aber er ging nicht mit den anderen.
„Seid ihr gekommen um euren Tanz einzufordern?“ fragte er lächelnd.
Laura nickte. „Ist die Musik nach eurem Geschmack, oder sollten wir das Orchester bitten, etwas anderes zu spielen?“ Sie spielten gerade ein ruhiges Lied.
„Nein, das ist in Ordnung.“
Gemeinsam gingen sie hinüber zur Tanzfläche. Obwohl bereits einige Tänzer dort waren und sich zum langsamen Rhythmus der Melodie bewegten, fiel es auf, als die Prinzessin einen unbekannten, älteren Mann auf die Tanzfläche führte. Natürlich würden sie noch viel mehr starren, wenn sie wüssten, wer er war, dachte Laura, aber das war ihr jetzt nicht wichtig.
Sie suchten sich eine freien Stelle, legten die Arme umeinander und begannen sich im Takt hin und her zu bewegen. Laura stellte fest, dass Lu sich sehr sicher und geschmeidig auf der Tanzfläche bewegte, als hätte er dies schon oft gemacht. Selbst als das nächste Lied etwas schneller wurde, konnte Lu ohne Probleme mithalten. Erst nach dem vierten Lied bat Lu um eine Pause, die ihm Laura gern gewährte.
Inzwischen mischten sich auch immer mehr von den Werwölfen unter das tanzende Volk. Wie sich herausstellte waren alle sehr höflich und hervorragende Tänzer. Auch die restlichen Gäste schienen sich gut zu amüsieren und zusammen lachten und tanzten sie durch die Nacht.
So wurde es ein wunderschönes, vergnügliches und gelungenes Fest.
Als die Prinzessin, am anderen Morgen, müde ins Bett fiel, war sie froh, dass sie das Risiko eingegangen war und den Werwölfen diese Chance gegeben hatte. Wer wusste, was sich daraus noch eines Tages entwickeln konnte.
Erschöpft und mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein.